Vinnie · Vergrössern ↗Mein Hund Vinnie ist ausgesprochen territorial veranlagt. Sagen wir es so: Er betrachtet unser Zuhause nicht einfach als sein Revier, sondern als eine Art Hochsicherheitszone mit sehr persönlichem Türsteher. Und dieser Türsteher hat durchaus eine eigene Vorstellung davon, wer willkommen ist – und wer besser gleich wieder umkehrt. Für mich ist das mitunter eine ziemlich nervenaufreibende Angelegenheit.
Durch gemeinsame Freunde lernte ich Beatrice und Dario kennen. Schon bald beeindruckte mich das enorme Wissen der beiden. Was mich jedoch mindestens ebenso faszinierte, war die Art, wie sie damit umgingen: bescheiden, herzlich und mit der wunderbaren Fähigkeit, selbst komplexe Zusammenhänge so verständlich zu erklären, dass man nicht das Gefühl bekam, gerade eine Doktorarbeit verteidigen zu müssen.
Wo andere mit ihrem Wissen gerne einmal die verbale Kanone auspacken, sich in Fachbegriffen verheddern und dabei gelegentlich den eigentlichen Sinn aus den Augen verlieren, blieben die beiden angenehm bodenständig und auf den Punkt. Ihr Wissen wurde nicht zur Selbstdarstellung eingesetzt, sondern dazu, wirklich etwas zu bewirken. Das verdient meinen grössten Respekt.
Dass die Sitzungen mit Beatrice bei mir wahre Wunder bewirken konnten, wurde mir schnell klar. Aus dieser menschlichen Wertschätzung wurde bald Zeit eine Freundschaft.
Allerdings gab es da noch eine kleine, vierbeinige Herausforderung: Vinnie.
Besuche bei uns zu Hause waren für Beatrice alles andere als entspannend, denn sie hat grosse Angst vor aggressiven Hunden. Und Vinnie wiederum schien fest entschlossen, diese Angst mit seinem beeindruckenden Stimmvolumen regelmässig zu bestätigen. Unsere Begrüssungskultur war also, sagen wir, noch etwas ausbaufähig.
Schliesslich fragte mich Beatrice, ob sie vor ihrem nächsten Besuch eine Sitzung mit unserem Cane Corso abhalten dürfe.
Selbstverständlich willigte ich ein. Schliesslich war ich neugierig – und schlimmer als das bisherige Begrüssungskonzert konnte es kaum werden.
Was dann geschah, war schlicht verblüffend.
Der eben noch lautstark tobende Revierwächter verwandelte sein aggressives Gebell in eine Art Freudengesang wie ihn Vinnie bis dahin eigentlich nur seinen allerengsten Vertrauten vorbehalten hatte.
Die zwei gehörten ab sofort zu Vinnies erweiterten Kreis der gedulden Ehrengäste
Leider hat sich diese revolutionäre Erkenntnis bislang nicht auf sämtliche Besucher übertragen. Bei manchen gilt nach wie vor die traditionelle Hausordnung.
Vinnies Begrüssung lautet dann, frei übersetzt:
„Eindringling! Du störst! Was willst du hier? Und wer hat dir eigentlich erlaubt, mein Revier zu betreten?“
Bei Beatrice hingegen scheint er zu denken:
„Ahhh, Beatrice! Endlich! Ich freue mich dich zu sehen!"
Was mich an dieser Erfahrung besonders beeindruckt, ist nicht allein das verblüffende Ergebnis. Es ist die Erkenntnis, was möglich wird, wenn aussergewöhnliches Wissen, echtes Einfühlungsvermögen und eine bescheidene, herzliche Art zusammenkommen.
Beatrice und Dario verfügen über einen wertvollen Wissensschatz. Doch was ihn für mich so besonders macht, ist die Fähigkeit, dieses Wissen nicht nur zu besitzen, sondern es verständlich, menschlich und wirksam weiterzugeben.
Und wenn selbst ein Cane Corso wie Vinnie seine Meinung über einen Menschen derart grundlegend ändern kann, dann spricht das wohl für sich.
Mein Fazit: Fachwissen ist wertvoll. Wissen mit Herz ist unbezahlbar. Und wenn dabei aus einem vierbeinigen Türsteher ein jauchzendes Empfangskomitee wird, darf man ruhig auch einmal staunen. 😄






